Die zeitlose Stadt

Es ist sehr schwer, in die zeitlose Stadt zu gelangen, die Meisten schaffen es nie. Man kann zum Beispiel versuchen zu fischen, oder man kann ein Buch über das allgemeine Sozialversicherungsgesetz lesen, dann vergeht die Zeit immer langsamer, bis sie vielleicht letztendlich ganz stehen bleibt, wenn man nicht vorher einschläft. Dann verschläft man den Stillstand der Zeit und kaum wacht man auf, geht sie schon wieder weiter. Manche versuchen es in der Zahnarztordination. Hier, beim Warten auf das Bohren verlangsamt sich die Zeit sehr schnell bis fast zum Stillstand. Und ich habe Leute beobachtet, die waren plötzlich weg, bevor sie drankamen. Vielleicht hatten die Einlass in die zeitlose Stadt gefunden? Es hat ja niemand gesagt, dass man besonders tapfer sein muss, um in die zeitlose Stadt zu gelangen. Manche probieren es mit Meditation. Sie sitzen lange stumm herum und glauben, die Zeit bleibt stehen. Manche verrenken sich dabei noch sehr komisch und schmerzhaft, was ganz sicher auch dazu beiträgt, den Fluss der Zeit zu verlangsamen. Aber ich glaube, von den Meditierenden ist noch niemand in die zeitlose Stadt gelangt. Denn, die Meditierenden haben doch ein Ziel, und ein Ziel ist nur durch Zeit zu erreichen, wie eine Insel durch Wasser. Ich denke, der einfachste Weg ist das ziel- und planlose Herumsitzen. Etwa unter einer Pinie. Es geht aber auch ohne Pinie.

Man sitzt und schaut. Auf das Meer, zum Beispiel.Oder sonst wohin. Dann geht’s vielleicht. Aber zuerst muss man sich überlegen, ob man wirklich in die zeitlose Stadt will, denn man kann wirklich nie wieder zurück. Ohne Zeit gibt’s kein Entkommen in eine andere Stadt. Man stirbt zwar nie, lebt aber auch nicht so fröhlich, wenn man sich gar nicht bewegt. Andererseits, fad wird’s nicht werden, denn dazu braucht man viel Zeit. Nun war ich vor kurzem in der Rückwärtsstadt Gnafna, wo man sich an die Zukunft erinnert, aber keine Ahnung von der Vergangenheit hat und dort meinte man, man könne als Besucher in die zeitlose Stadt kommen, man dürfe sich seine persönliche Zeit mitbringen. Also kann man sich auch hinbewegen. In der schiefen Stadt, in welcher alles bergab rutscht, lernte ich jemand kennen, der erzählte mir, er kenne jemand, dessen Freund hat einen Bekannten, der war schon in der zeitlosen Stadt. Und der hat gesagt: „man muss sich warm anziehen, denn es hat minus 273,15° C in der zeitlosen Stadt". Ich reiste in die schiefe Stadt und mietete mir ein Auto und fuhr lange Zeit Richtung zeitlose Stadt. Es wurde immer finsterer und kälter. Nach langer Zeit war es stockfinster und eiskalt. Nur im Scheinwerferkegel erblickte ich Häuser, eine Straßenbahn und Autos. Nur standen alle still. Nichts rührte sich und kein Ton war zu hören. Ich stieg aus und schaltete meine starke Taschenlampe ein. Es musste schrecklich kalt sein, aber ich konnte die Kälte nicht spüren, weil sie keine Zeit hatte, zu mir zu kommen. Mein Scheinwerferkegel leuchtete die Straße hinunter. Ich ging in die Fußgängerzone. Massenhaft Leute standen herum, viel mehr, sie verharrten in gefrorener Bewegung.
Eine Frau zeigte ihrem Kind etwas in der Auslage. Zwei Burschen waren in Laufbewegung erstarrt. Ein hübsches Mädchen grinste zeitlos, und wenn ich mich richtig stellte, lächelte sie mich an.

 

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